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Christoph Faulhaber (GAC) in a conversation with Sabine Danek (Szene Hamburg)



SD: The Guantanamo Allocation Camp, which you have set up here in the HafenCity, is a bit off the beaten track. Does anyone go past it at all?


CF: Sure. Of course. Not so many people as along the Marco Polo Terraces, but the sight seeing and city tour busses go past. It was important for me to find a plot where it was possible to erect the allocation camp. The HafenCity, the former Free Port, was until recently a border region. In other words, here, in what was, and still is, the city’s face to the world, the legal situation was different. And that’s the issue with the question of what to do with the remaining prisoners too. These people are not only beyond the reach of international jurisdiction, they have also been expatriated, they can’t go back or anywhere else. They are the first global outlaws in history. In addition, it overlooks the terrain occupied by the former Hannoveraner Bahnhof, the starting point for the deportation transports from Hamburg. In that sense the project also takes up a standpoint in respect of the question of the historical identity of this site.


SD: So it’s certainly planned to add further crates?


CF: Hamburg has a tradition of accommodating people in crates: Bibby Altona or subvision. But it’s not about crates, it’s about carrying on the discussion about the topic in the place where it belongs: in the public realm. To accept or not to accept? Is there any responsibility, and where does it come from? These questions will crop up again in the next few months, because in January at the latest, the camp is due to be closed. And we are offering the American government our help in this process. One goal of the project is to place at least one flat at the disposal of the released prisoners and guarantee them a right of life-time residence.


SD: Various levels overlap in the project. On the one hand it’s art and is being sponsored by the culture department, on the other hand it comes across as altogether concrete.


CF: First we should say that it’s not a fake, but reality: the allocation camp is supported by the State and City of Hamburg through its department for culture, sport and the media, as well as by the European Culture Fonds, amnesty international and the Heinrich-Böll-Foundation North America, and people keep coming along who want to donate. Of course the project has its basis in art, and makes no secret of that. But it threatens to become real.


SD: Is art in any position to push things like this?


CF: Why not? Whether I’ll succeed, is another question. But on the basis of my own biography and life story to date, I think I’m capable of carrying out such a project. Because of my last project “Mister Security” (with L. Chrobok) I was put on the United States’ Terror Watch List. The resulting contact with Homeland Security, the FBI and the State Department demonstrates on the one hand how thin the line between art and reality is, and on the other, that it is only one small step from this list to another “reality”.


SD: Need one be scared, as a political artist?


CF: I don’t see myself as a political artist. I am more concerned with what art is doing today, what sort of material is at the artist’s disposal. At a time when we all have to interpret the images we encounter as symbols and in every situation have to make a decision about what lies behind it, art is also working to appropriate this new concept of the picture itself. The pictures are beginning a life of their own, they propagate and reproduce themselves, but is there a life outside the picture?


SD: You put quite a lot of trust in art.


CF: Yes, at least the way I understand it. I may even be a little too serious, but there should be a comprehensive reflexion on one’s own work. I find it important to use art to appropriate the world, and in the best sense, to give it meaning. The hope of all of us, after all, is to understand what’s actually going on. And that’s what I try to do in my work too. At a time when society is occupied with the phenomenon of globalization, and incredibly fast processes of dissolution and replacement are taking place, I try to hammer nails into transient walls.



Christoph Faulhaber (GAC) im Gespräch mit Sabine Danek (Szene Hamburg)



SD: Das Guantanamo Allocation Camp, das Sie in der HafenCity errichtet haben, steht an etwas abgelegener Stelle. Kommt dort überhaupt jemand vorbei?


CF: Doch, natürlich. Nicht so viele Leute wie auf den Marco Polo Terrassen, aber die Stadtrundfahrten kommen auch vorbei. Mir war es wichtig ein Grundstück zu finden, auf dem es auch möglich ist, das Auffanglager zu errichten. Die HafenCity, der ehemalige Freihafen, war bis vor kurzem Grenzregion. Das heißt, hier, auf dem internationalen Aushängeschild der Stadt, herrschte eine andere Rechtsgrundlage. Und darum geht es auch bei der Frage, wohin mit den verbliebenen Häftlingen. Diese Menschen befinden sich nicht nur außerhalb internationaler Gerichtsbarkeit, sondern sind auch ent-nationalisiert worden, sie können nicht zurück und nirgendwo hin. Sie sind die ersten globalen Vogelfreien der Geschichte. Außerdem schaut man von dort auf das Gelände des ehemaligen Hannoveraner Bahnhofs, von dem die Deportationszüge Hamburg verlassen haben. Somit bezieht das Projekt auch Stellung in der Frage der historischen Identität des Ortes.


SD: Es ist also durchaus geplant, dass weitere Kisten dazu kommen?


CF: Hamburg hat ja eine Tradition, Menschen in Kisten unterzubringen: Bibby Altona oder Subvision. Aber es geht nicht um Kisten, es geht darum, die Diskussion um das Thema dort weiterzuführen, wo sie hingehört: in die Öffentlichkeit. Aufnahme oder Nichtaufnahme? Gibt es eine Verantwortung und woher kommt sie? Diese Fragen werden in den nächsten Monaten wieder auftauchen, denn spätestens im Januar soll das Lager aufgelöst werden. Und wir bieten der amerikanischen Regierung unsere Hilfe dabei an. Ein Ziel des Projektes ist es, mindestens eine Wohnung in der HafenCity den entlassenen Häftlingen zur Verfügung zu stellen und ihnen ein lebenslanges Wohnrecht zu garantieren.


SD: In dem Projekt überlappen sich verschiedene Ebenen. Auf der einen Seite ist es Kunst und von der Kulturbehörde gefördert, auf der anderen Seite wirkt es ganz konkret.


CF: Erstmal muss man sagen, dass es kein Fake ist, sondern tatsächlich Realität: Das Aufnahmelager wird durch die Freie und Hansestadt Hamburg, die Behörde für Kultur, Sport und Medien unterstützt, sowie vom European Culture Fonds, Heinrich Boell Foundation North America oder der Heinrich-Böll-Foundation North America, und es kommen immer wieder Leute, die spenden wollen. Natürlich ist das Projekt in der Kunst angesiedelt und verheimlicht es auch nicht. Aber es droht damit, real zu werden.


SD: Ist Kunst fähig dazu, so etwas anzuschieben?


CF: Warum sollte es nicht möglich sein? Ob ich das schaffe, ist eine andere Frage. Aber aufgrund meiner Biographie maße ich mir an, ein solches Projekt überhaupt durchzuführen. Wegen meines letzten Projektes „Mister Security“ (mit L. Chrobok) hat man mich auf die Terror Watch List der USA gesetzt. Der daraus resultierende Kontakt mit Homeland Security, FBI und State Department zeigt einerseits, wie dünn die Grenze zwischen Kunst und Realität ist, und andererseits, dass es nur ein kleiner Schritt von dieser Liste in eine andere „Realität“ ist.


SD: Muss man das als politischer Künstler nicht befürchten?


CF: Ich sehe mich gar nicht als politischen Künstler. Mir geht es vielmehr darum, was Kunst heute macht, was für Material dem Künstler zur Verfügung steht. In einer Zeit, in der wir alles, was uns begegnet als Bilder oder Symbole lesen und in jeder Situation eine Einschätzung treffen müssen, was eigentlich dahinter steht, arbeitet auch die Kunst daran, sich diesen neuen Bildbegriff anzueignen. Die Bilder beginnen ein Eigenleben, sie pflanzen sich fort, aber gibt es ein Leben außerhalb der Bilder?


SD: Sie trauen der Kunst einiges zu.


CF: Ja, zumindest, wie ich sie verstehe. Da bin ich sogar etwas überernst, aber es sollte eine umfassende Reflektion der eigenen Arbeit geben. Ich finde es wichtig, mit Kunst eine Aneignung der Welt zu betreiben und im besten Fall Sinn zu stiften. Die Hoffnung eines jeden ist doch zu verstehen, was eigentlich los ist. Und das versuche ich in meiner Arbeit auch. In einer Zeit, in der die Gesellschaft mit dem Phänomen der Globalisierung beschäftigt ist und unheimlich schnelle Prozesse von Auflösung und Ablösung stattfinden, versuche ich, Nägel in die flüchtigen Wände zu schlagen.



Szene Hamburg, Oktober 2009
http://www.szene-hamburg-online.de